Abby Lee Brazil
Abby Lee Brazil: Wie die brasilianische Tänzerin die Schweizer Kulturszene 2026 spaltet
abby lee brazil hat an einem verregneten Freitagabend im Zürcher Volkshaus etwas losgetreten, das weit über eine Tanzperformance hinausgeht. Dumpfe Bässe, nackte Haut, Samba-Rhythmen, die in harten Funk übergehen – und mittendrin eine Frau, die mit jedem Hüftschwung die Gemüter erhitzt. Seit dieser Premiere Anfang Juni 2026 diskutiert die Schweiz hitziger über kulturelle Aneignung, Kunstfreiheit und touristische Vermarktung als über die Bundesratswahlen. Die 32-jährige Brasilianerin, die in sozialen Medien eine schwindelerregende Followerzahl von 14 Millionen aufweist, ist längst mehr als eine Tänzerin: Sie ist eine Projektionsfläche für alles, was die Gesellschaft im Moment umtreibt.
Dabei sah der Plan für die „Brazilian Heat“-Tournee durch sechs Schweizer Städte zunächst nach einem harmlosen Sommervergnügen aus. Die Veranstalter in Bern hatten sich mit abby lee brazil eine Zugnummer versprochen, die vor allem junges Publikum in die Hallen lockt – und das klappte auch. Tickets waren innert 48 Stunden ausverkauft, die Medien berichteten wohlwollend. Dann tauchte ein Video auf, das einen Ausschnitt der Show zeigt, und innert Stunden kippte die Stimmung. Ein Ausschnitt, in dem die Künstlerin mit traditionellen indigenen Federkostümen und kaum mehr als Körperbemalung auftritt, wurde zum Zündfunken. Seitdem überbieten sich Politiker mit Forderungen, die Tournee abzusagen, während Fans auf der Strasse demonstrieren und mit „Freiheit für Abby“-Plakaten wedeln.
Von São Paulo nach Zürich: Eine Karriere im Zeitraffer
Abby Lee Brazil, geboren 1994 in einem Armenviertel von São Paulo, tanzte sich buchstäblich aus der Favela heraus. Mit 16 entdeckte sie ein französischer Choreograf, mit 22 tourte sie mit einem brasilianischen Zirkus durch Europa, und mit 28 gründete sie ihre eigene Company, die heute weltweit Auftritte hat. Der Durchbruch kam 2024 mit einem viralen Clip, der sie bei einem improvisierten Tanz auf der Ipanema-Promenade zeigt – 200 Millionen Views. Plötzlich wollte jeder Festivalveranstalter in Europa „dieses urbane, rohe Brasilien“ auf der Bühne sehen. Dass sie sich dabei nie um politische Korrektheit scherte, war Teil ihres Images. Genau das holt sie nun ein.
Die Show: Ekstase, Schock und ein Hauch von Kolonialgeschichte
„Brazilian Heat“ ist eine zweistündige, nonstop brodelnde Mischung aus Tanztheater, Konzert und Performance-Kunst. Die Bühnenbilder wechseln von tropischen Regenwäldern zu Betonfassaden der Favela. In einem Segment, das „Raízes“ (Wurzeln) heisst, tritt Abby Lee Brazil in einem Federkopfschmuck auf, der an die Trachten der Tupi-Guarani erinnert. Sie tanzt, flankiert von halbnackten Tänzern, einen ekstatischen Ritualtanz, der mit elektronischen Beats unterlegt ist. Für viele indigene Vertreter in der Schweiz ist das eine Respektlosigkeit. „Sie macht aus unseren heiligen Symbolen eine Partydekoration“, sagt die Anthropologin und Aktivistin Marisa Kamer aus Basel. Abby Lee Brazil selbst kontert: „Das ist meine Hommage an die Wurzeln meines Landes. Ich bin selbst gemischter Abstammung. Wer sagt, dass ich das nicht darf?“
Schweizer Politik zwischen Empörung und Eventtourismus
Die Debatte hat längst die Bundeshäuser erreicht. Nationalrat Lukas Meier von der SVP forderte am Mittwoch, die Tournee sofort zu stoppen, weil sie „unseren kulturellen Anstand verletze“. Die SP-Politikerin Fiona Wyss hingegen sieht in der Kampagne gegen die Künstlerin einen „neuen Kulturkampf von rechts“. Selbst der Tourismusdirektor von Zürich meldete sich zu Wort: Die Shows brächten Tausende Übernachtungen, und die Stadt könne es sich nicht leisten, als spiessig zu gelten. Am Freitag ist es zu einer spontanen, aber friedlichen Demonstration vor dem Luzerner KKL gekommen, wo rund 800 Fans Spruchbänder hochhielten und Samba-Trommeln schlugen. Die Polizei musste nicht eingreifen.
Die Fans: Eine Generation, die Grenzen sprengen will
Warum solidarisieren sich so viele junge Schweizer mit einer umstrittenen Brasilianerin? Die 19-jährige Mia aus Winterthur, die vor dem Konzert in St. Gallen campierte, sagt: „Abby zeigt, dass Kultur nicht in einem Museum erstarrt. Sie vermischt Dinge und das ist genau das, was wir heute brauchen. Wir sind doch alle längst globalisiert.“ In den sozialen Medien trendet der Hashtag #AbbyBleibt, und auf TikTok werden Clips der Show millionenfach geteilt. Die Kritik an kultureller Aneignung prallt an vielen einfach ab – sie sehen eine Künstlerin, die mit Energie und Leidenschaft etwas wagt, was kein Schweizer Choreograf je tun würde. Ein gefährlicher Trugschluss, meinen Kritiker, denn die Deutungshoheit über indigene Symbole liege nicht bei einer globalen Fangemeinde.
Abby Lee Brazil im Interview: „Ich verstehe die Aufregung nicht“
In einem exklusiven Gespräch mit unserer Redaktion, geführt in einem Zürcher Hotelzimmer mit Blick auf den See, wirkt Abby Lee Brazil gelöst, fast ein wenig belustigt. „Ich bin hier, um zu tanzen, nicht um politische Seminare zu geben“, sagt sie und lacht. „Die Kostüme sind von einem Designer aus Manaus, der selbst Indigener ist. Er hat sie für mich gemacht. Wo ist das Problem?“ Auf die Frage, ob sie die Show anpassen würde, reagiert sie kühl: „Kunst ist nicht verhandelbar. Wenn jemand etwas nicht mag, kann er zu Hause bleiben.“ Sie spielt mit dem Feuer. Veranstalter rechnen bereits mit Umsatzausfällen, falls weitere Städte die Auftritte verbieten. Der prestigeträchtige Auftritt beim Montreux Jazz Festival im Juli steht auf der Kippe.
Ausblick: Ein Sommer voller Entscheidungen
Die kommenden zwei Wochen werden zeigen, ob die Tournee wie geplant weitergeht. Der Kanton Bern hat eine Sonderbewilligung gefordert, die Stadt Zürich prüft eine Absage der ausverkauften zweiten Show im Hallenstadion. Gleichzeitig flattern Anfragen aus Berlin, Paris und London herein – dort scheint man die Kontroverse als Marketing zu sehen. In der Schweiz aber, wo der Dialog zwischen Tradition und Moderne stets mit besonderer Sorgfalt geführt wird, steht Abby Lee Brazil für einen Bruch, der tiefer reicht, als ein paar Tanzschritte vermuten lassen. Manche sagen, dieser Sommer werde die Kulturnation Schweiz verändern. Andere sagen, es sei nur ein Sturm im Wasserglas. Eines ist sicher: Langweilig wird es mit Abby Lee Brazil nicht.
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